IAA 2009: Spannende Autos von Morgen?

Fahrgeräusch im Stand. „Nice!“ sagt mein Nachbar, fummelt sein Handy aus dem Anzug und knipst ein Foto. Das Motiv: Der Tesla Roadster bei Brabus. Jetzt wird das Brummen lauter, krächziger. Ich bin ratlos: Was soll daran „Nice“ sein?! Der schnittige Roadster vor mir liefert gerade ein Klangerlebnis wie meine alte Playstation ab. Das wirkt ziemlich befremdlich: Seit wann muss ein Elektroauto nach V8 klingen? Der Tesla hat zwar mächtig Power, sein E-Motor bringt 252 PS. Das reicht für 3.8 Sekunden bis Tempo 100 – und passiert nahezu lautlos. Aber: Wer will denn dazu Brumbrum aus der Dose hören?! Die Fußgänger bestimmt nicht. Für die würde ich doch lieber ‘ne echte Show starten und den Sound Generator auf “Warp” oder “Beam” stellen. Calling Dr. Spock!

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E-xtrem: Brabus bringt die neue E-Klasse auf 800 PS.

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Alleine die deutschen Hersteller zeigten 55 Weltpremieren

Brabus zeigt hier also Humor, übrigens auch beim Preis: Da ist von 128.000 Euro die Rede, ein paar Tausender mehr als der Serien Tesla kosten würde. Dafür gibt’s aber schicke Alus und ein paar Spoilerchen dazu, außerdem nettes Leder im Innenraum. Bodo Buschmann polarisiert, aber das ist man ja vom berühmten Tuner Don und seiner krassen Truppe aus Bottrop gewohnt. Ein paar Meter weiter steht dann auch schon die nächste Kuriosiät, der E V12 „One of Ten“. Brabus puscht die neue Mercedes E-Klasse auf 800 PS, baut martialische Verkleidungen an und schafft so eine Höchstgeschwindigkeit von sagenhaften 370 Km/h. Nur zehn Exemplare sollen gebaut werden, über 500.000 Euro werden für eines fällig. Da heißt es: Schnell sein, Schnäppchenalarm. Doch: Spaß beiseite, oder besser nicht. Wenigstens gibt es Leute wie Buschmann, die ihre automobilen Träume wahr machen und somit ein bisschen Bewegung in die Masse bringen. Denn was sich sonst so auf der IAA die Reifen platt gestanden hat, war wirklich nicht so berauschend.

781 Aussteller aus 30 Ländern – zu wenig?

Sicher, so gut wie jeder Hersteller hatte – sofern vorhanden, denn einige Firmen wie zum Beispiel Honda oder Nissan waren erst gar nicht angereist – ein paar schicke, meistens kleine und mehr oder weniger grüne Modelle im Angebot. Der Umwelt zuliebe. So auch Volkswagen. Die Wolfsburger zeigten den L1, eine Studie, die zwar klein und grün, aber leider überhaupt nicht schick war. Gab’s dieses Ding nicht schon mal? 2002 schaffte Ferdinand Piëch mit dem 1L bei einer Rekordfahrt den sensationellen Verbrauch von 0,89 Litern Diesel auf 100 Kilometern. Heute, sieben Jahre und einen Zahlendreher später, soll der L1 schlappe 1,38 Liter verbrauchen. Wo ist da denn bitte der Fortschritt geblieben? Zugegeben, das aktuelle Modell hat knappe 30 PS mehr, aber dafür auch einen zusätzlichen Elektromotor neben dem schmalen 0.8 Liter TDI. Da fragt man sich doch, ob die Hybrid Technik wirklich so toll ist wie immer alle behaupten. Der L1 ist ein Prototyp, zum Glück. Er wird so nicht in Serie gehen.

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Feuer und Flamme? Bei dieser automobilen Zigarre eher nicht

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up dafür: Endlich wieder ein echter Volkswagen

Ganz anders der e-up, ein knuffiger Kleinwagen, der ein bisschen an den Lupo erinnert und den VW ein paar Schritte weiter vorgefahren hatte. 8.500 Euro soll der erste up kosten, mit einem sparsamen Dreizylinder. Fair! Endlich wieder ein echter Volkswagen, zumal die Wolfsburger den Kleinen später auch mit dem in der Studie gezeigten Elektromotor anbieten wollen. Er soll eine Dauerleistung von 54 PS bringen. Die Höchstgeschwindigkeit: 135 km/h. Reichweite: bis zu 130 Kilometer, Ladezeit maximal 5 Stunden. Das ist erst mal in Ordnung, aber es reicht noch lange nicht für einen dauerhaften Alltagsbetrieb aus. Wer will schon auf der Fahrt zu Oma 15 Stunden nachladen?! Der Erfolg von künftigen E-Modellen steht und fällt mit der Akku Technologie. Die kleinen Energiespender müssen stärker und zuverlässiger werden, dann sind in ein paar Jahren vielleicht wirklich Fahrzeuge wie der Audi e-tron möglich, eine Studie, die auf dem R8 basiert und von vier Elektromotoren an den einzelnen Rädern angetrieben wird. Diese leisten 313 PS und feiste 4500 Nm Drehmoment. Der 1.6 Tonnen schwere Renner könnte in nur 4.8 Sekunden auf Tempo 100 stürmen – wahrscheinlich ganze zwei oder drei mal, bis ihm der Saft ausgegangen ist.

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Der R8 mal besonders spannend: e-tron Studie

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Blue Will von Hyundai: Schicker Stromer!

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Ebenfalls Elektrisch: Renault mit dem Zoe

Dennoch: Solche Studien sind wichtig. Sie zeigen Möglichkeiten und Herausforderungen. Störend hingegen: die allgegenwärtige CO2 Prahlerei: Fast auf jedem Auto, egal von welcher Firma, prangen riesige Zahlen wie zum Beispiel 87, 99 oder 114. Sie geben den Ausstoß von Kohlenstoffdioxid pro Kilometer an. Schlimm genug, dass dieses Gas überall in die Luft geblasen wird, übrigens etwa 36 Milliarden Tonnen im Jahr, weltweit – Man muss nicht noch stolz darauf sein. Dass zum Beispiel der neue Touareg nur 219 Gramm pro Kilometer verheizt und das groß angepriesen wird: Unnötig.

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Ein Stealth für die Straße: Der Lamborghini Reventón Roadster

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Manche Hostess kassierte mehr Blicke als das Fahrzeug

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Die schönsten Schuhe gab’s bei Fiat zu bewundern

Ist doch klar: Je fetter und schneller die Kisten werden, desto tiefer fährt die Karre in den Dreck. Das liegt (noch) in der Natur der Sache. Lamborghini hat sich da elegant aus der Affäre gezogen und seinen brachialen Boliden, den Reventón Roadster, mit den schärfsten Hostessen der Messe garniert. Ablenkungsmanöver gelungen. Nach der CO2 Bilanz hat bei Lambo keiner gefragt. Da hätte auch niemand eine Antwort geben können, denn die Hostessen waren die ganze Zeit damit beschäftigt, schwitzigen Fotografen auf Distanz zu halten und Sabber weg zu wischen. Nachvollziehbar, denn was die Italiener da auf vier Räderbeziehungsweise in High-Heels gezaubert haben, suchte auf der Messe seines oder ihresgleichen. Der Reventón: ein Stealth für die Straße, dazu noch offen, die stärkste und schnellste Sonnenbank der Welt. 6.5 Liter V12, 670 PS. Da kann selbst der neue Ferrari 458 Italia nicht so wirklich mithalten, er wirkt im Vergleich wie ein plumpes, rund gelutschtes Bonbon. Ein billiges noch dazu, denn für den Lambo muss man einige Euro mehr überweisen, er kostet schlappe 1.1 Millionen, ohne Steuern.

CO2 Ausstoß und heiße Ablenkungsmanöver

Ebenfalls in einer anderen Liga spielt der Mercedes SLS AMG. Alle jubeln: Der Flügeltürer ist zurück, und sogar fast so schön wie damals! Wirklich? Ein bisschen übertrieben: Der SLS sieht gut aus, ohne Zweifel, aber nur in der einen oder anderen Perspektive. Das reicht, um bei den Supersportwagen vorne mit zu fahren, auch in Sachen Leistung, aber nur wegen ein paar stilistischer Anleihen und zwei Flügeltüren den Vergleich zu einer Ikone zu bemühen, halte ich für ein Gedankenspiel der PR Abteilung. Der W198 war perfekt, aus jedem Blickwinkel. Da kann man alles andere vergessen.

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Ikone 2.0? Der Mercedes-Benz SLS AMG

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BMW M1 Vision Efficient Dynamics: Sexy und sparsam

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Flügeltürer aus dem Osten: Der Melkus RS 2000

Zum Glück hielten sich die übrigen Hersteller im Großen und Ganzen mit Experimenten in Sachen Retrodesign zurück. Negative Ausnahme: die Studie “New Trabi”. Der nT wirkt im Vergleich zum Vorgänger erschreckend unförmig und macht nicht wirklich Lust auf mehr. Positive Ausnahmen gab es aber ebenfalls, zum Beispiel Citroën mit dem Revolte, der gelungen das eine oder andere Element des 2CV zitiert und Melkus, die sympathische, kleine Manufaktur aus Dresden. Hier präsentierte man den neuen Mittelmotor Sportwagen RS 2000 auf Lotus Basis, der Nachfolger des legendären Melkus RS 1000, einem Wagen, der in den 1970er Jahren in der DDR mit Heinz Melkus Rennsportgeschichte geschrieben hat und ab sofort in Handarbeit und einer Kleinserie gefertigt wird.

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Eine ganze Klasse größer als bisher: Der neue Opel Astra

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Knackig, vor allem imVergleich zum großen Bruder: Der Ford C-Max

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Saab: Zurück zu neuer, alter Größe?!

Das genaue Gegenteil davon, nämlich Großserie und ganz bestimmt kein Rennwagen, ist der neue Astra, der Schönste bisher. Aber auch der Größte: Er geriet 22 cm länger als sein Vorgänger und misst nun 4,42 Meter. Ist das noch kompakt? Und wachsen Tiefgaragen eigentlich mit?! Solche Fragen werden die Käufer des neuen Saab 9-5, der es auf stattliche 5,01 Meter bringt, wahrscheinlich auch bewegen, früher oder später. BMW folgt mit dem X6 sowie dem 5er GT ebenfalls der Maxime “Size does matter”, versucht aber wenigstens – und sogarerfolgreich – den Flottenverbrauch mit bezahlbaren Technologien zu senken. Hier sticht vor allem der 320D Efficient Dynamics hervor: Die Limousine kommt auf 163 PS, verbraucht aber nur 4,1 Liter Diesel auf 100 Kilometer. Das entspricht übrigens einem Wert von 109 Gramm CO2/km. Das Beste am Konzept und ein gutes Beispiel für viele anderen: Der 320D ist ab März erhältlich. „Nice!“ Oder?

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Seat hat sich entwickelt: Das Concept IBZ macht Lust auf die Serie

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Sexy Hostessen: Vor allem bei Lancia, Alfa Romeo und Fiat

Fotos + Text: Jan-Erik Nord, http://www.jan-erik-nord.de

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