Ein Showroom der Zukunft?! Die NAIAS 2010

North American International Auto Show

Detroit, die legendäre „Motor City“ im US-Bundesstaat Michigan: Hier wurde Automobilgeschichte geschrieben. Vor  einhundert Jahren wagte sich Henry Ford in seiner Fabrik „Highland Park“ an die komplexe Massenproduktion seiner Autos: Das Modell T mobilisierte schließlich ganz Amerika, die Automobilbranche wuchs. In den folgenden Jahren kamen weitere Hersteller an den Eriesee. Mit der Automobilindustrie begann Detroits schneller Aufstieg, sie führte aber letztendlich auch zum Abschwung. Die Stadt hatte ihre Wirtschaft ausschließlich auf den Fahrzeugbau ausgerichtet: Mit der Krise kamen dann die Pleiten. Heute haben die amerikanischen Hersteller mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen: Chrysler und General Motors müssen um ihre Existenz fürchten. Die jüngsten wirtschaftlichen Entwicklungen sind auch bei der „North American International Auto Show“ (NAIAS)  im Cobo Center von Detroit zu spüren. Ist das ein Showroom der Zukunft oder wird die Messe bald selbst Geschichte sein?

Vor allem die Amerikaner treten längst nicht mehr so selbstbewusst wie in den vergangenen Jahren auf. Die Show bietet mehr als 50 Premieren, allerdings sind auffallend viele asiatische und europäische Highlights darunter. Trotzdem bemühen sich die „Big Three“ um Optimismus, wobei vor allem Chrysler nicht sonderlich glaubhaft wirken kann. Während Ford wenigstens noch den neuen Focus vorgefahren hat, kocht Chrysler einige Modelle aus dem erst kürzlich annektierten Fiat Konzern auf. So stehen neben dem Lancia Delta mit Chrysler Logo (!) noch ein paar Fiat 500 – die kultige Kugel soll ab 2011 auch in den USA gebaut und verkauft werden. Ob das den Konzern retten wird? Scheint fraglich. Zumal auch die anderen Marken des Hauses keine wirklichen Kracher landeten: So zeigte Jeep ein paar Sondermodelle von Wrangler, Liberty und Co.

Die NAIAS gehört zu den fünf größten Messen der Welt

Dodge lieferte hingegen einen Reminiszenz an die Zeit der riesigen, motorisierten Monster aus den 1980er sowie 90er Jahren: Der neue RAM sprengt in der „Heavy Duty Variante“ wieder jeden Rahmen: dieser Pick-Up wurde vor allem für den harten Arbeitseinsatz konzipiert und strotzt nur so vor Kraft. Der Kunde hat die Qual der Wahl: Dodge bietet dieses Biest entweder mit einem 5.7 Liter HEMI V8 und knapp 400 PS an – oder mit einem 6,7-Liter Cummins Turbo Diesel und 350 Pferdestärken. Das kam beim Publikum erstaunlich gut an: Überhaupt scheint sich das Interesse der Besucher in diesem Jahr weniger um vernünftige Modelle zu drehen, als vielmehr um solche, die Leistung und Luxus bieten.

Automobile Vernunft? Das Publikum sagt: Nein!

So erklärt sich auch das Ranking von NADAguides.com, einer Organisation für Marktforschung. Die Top fünf der gefragtesten Modelle während der Show zeigt den 2010er Chevrolet Camaro auf Rang 1, gefolgt von Lexus ES 350, Nissan Altima und Honda Accord sowie dem neuen Lexus RX 350. Der amerikanische Konsument will eben seinen  Spaß haben, und er definiert dies immer noch stark über alte Werte: Bigger is better. GMC, bisher für funktionale Trucks und SUV bekannt, versucht einen neuen Zugang zu bieten: das „Granite“ Konzept wäre bei seiner Einführung das bis dato kleinste Fahrzeug der Marke und könnte deren Wahrnehmung in der Öffentlichkeit radikal verändern. Lisa Hutchinson, Product Marketing Director, erklärte auf der Pressekonferenz: „Wir nennen es ein ’Urban Utility Vehicle’, ein urbanes Nutzfahrzeug, und unser Ziel war es, die Vorstellung eines GMC für die kommende Kundengeneration, die sowohl Wert auf Design als auch auf Funktionalität legt, neu zu definieren.“ Ein Team junger Designer entwarf den Granite im Hinblick auf die Vorlieben junger, aktiver Städter. Das Fahrzeug besticht durch sein stylishes, maschinelles Design und die geplanten, sparsamen Vierzylinder Motoren mit Turbo-Aufladung. Nicht schlecht! Das meinte auch die Jury des „EyesOn Design Awards“, die dem Granite einen Preis verlieh. Ebenfalls ausgezeichnet wurde der neue Audi A8: Die Luxuslimousine erhielt den „Award for Design Excellence“ und wird Anfang März zu den Händlern rollen. Aus dem gleichen Konzern stammt ein weiteres Highlight der Show: Volkswagen präsentierte in Detroit ein attraktives Coupé mit Hybridantrieb. Es soll zwischen Scirocco und Passat CC positioniert werden. Sein Konzept begeistert: VW setzt auf einen TSI Benziner mit 150 PS in Verbindung mit einem 27 PS starken Elektromotor. Dieses Hightech Triebwerk beschleunigt das kompakte Coupé in etwa 8 Sekunden auf Tempo 100 – als Spitze geben die Wolfsburger 227 km/h an, bei einem Durchschnittsverbrauch von nur 4,2 Litern sowie CO2 Emissionen von 98 g/km. Das ist Umweltschutz, der Spaß macht und den man auch bezahlen kann.

Toyota will künftig ein ähnliches Ziel verfolgen, wenn auch mit anderen technischen Mitteln: Die Japaner präsentierten in Detroit eine tolle Studie: den FT-CH. Das Unternehmen leitet damit eine neue Phase seiner Hybridstrategie ein. Zunächst baut Toyota sein Angebot an Fahrzeugen mit Hybridantrieben aus. Ab dem Modelljahr 2012 folgen Plug-in-Hybride und reine Elektrofahrzeuge, drei Jahre später sollen sogar Autos mit Brennstoffzellen Antrieb in Serie gehen. Innerhalb der nächsten zehn bis 20 Jahre erreichen wir nicht nur das globale Ölfördermaximum, auch die Nachfrage nach Flüssigbrennstoffen wird die Versorgungskapazitäten übertreffen“, prognostiziert Jim Lentz, Präsident von Toyota Motors Sales USA, auf der Pressekonferenz. „Ein Jahrhundert nach der Erfindung des Automobils liegt es nun an uns, die Mobilität neu zu erfinden – mit Antrieben, die den Verbrauch von fossilen Brennstoffen massiv senken oder sogar vollkommen unnötig machen.“ Der FT-CH wurde als Hybridfahrzeug für das Kompaktsegment entwickelt und wird von Toyota unterhalb des Erfolgsmodells Prius angesiedelt. Mit geringeren Abmessungen und hoher Funktionalität ist das Fahrzeug auf den städtischen Verkehr zugeschnitten.

Die Hersteller setzen auf alternative Antriebe

Der FT-CH stand auf der „Electric Avenue“, einem Sonderbereich innerhalb der Messe, bei dem sich alles um alternative, umweltfreundliche Antriebskonzepte drehte. Nahezu jeder Hersteller zeigte ein Highlight. BMW war beispielsweise mit dem Concept Active E auf Basis des 1er vertreten, Honda mit dem knackigen (und bald in Serie gehenden) CR-Z, Audi mit einem überarbeiteten e-tron. Zu den sonstigen Highlights der Messe gehörten ohne Zweifel das neue Mercedes E-Klasse Cabrio, die lustige Studie von MINI und das Cadillac CTS-V Coupé, ein Bolide mit 6,2-Liter-V8 und 564 PS. Cadillac gibt wieder richtig Gas – und das ist auch gar nicht so schlecht, denn nur mit dem richtigen Schwung lässt sich der Weg aus der Krise meistern. Die „North American International Auto Show“: ein Showroom der Zukunft? Vielleicht – aber nur mit dem richtigen Antrieb. Eines ist sicher: Die Messe ist auf keinen Fall Geschichte.

http://www.naias.com – Text: J. Nord; Photo Credits: die Hersteller, Mercedes-Benz, GM: John F. Martin, Toyota: Steve Demmitt, Chevrolet: Tom Hawley, NAIAS: D. Freers, Honda, Volkswagen, Audi, Chrysler: Joe Wilssens, GMC: Steve Fecht, Ford, Jeep: Jim Frenak

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